Ja, sie lebt noch… Schande über mich und meine Unzuverlässigkeit. Aber ich hatte eben sooo viel anderes zu tun, dass mir keine Zeit blieb hier etwas zu schreiben. Und irgendwann wurde es so erschreckend viel, was ich euch erzählen möchte, dass ich begann mich zusätzlich auch noch davor zu drücken.
Was mache ich heute? Nun gerade – also eigentlich – bereite ich Ps 122 für mein AT-Seminar mit Jutta und ihrem Doktoranten Attila vor. Ich muss gut vorbereitet sein, da ich ja ganz alleine mit einem Doktoranten und einer Professorin bin. Das ist sehr unterhaltsam und informativ zugleich. Jutta hat mich letzte Woche auch mit zu einer Holocaust-Gedenk-Veranstaltung (Kooperation mit Deutschland, d.h. auf Deutsch) mitgenommen. War total interessant, ich hab das erste Mal eine Zeitzeugin gehört und am Ende gab es noch ein kleines Konzert von einer Gruppe (Gitarre, Cello, Gesang), die jüdische Musik im Jazzstil spielte. Anschließend sind wir beide und ein guter Bekannter von Jutta noch Essen gegangen. War echt toll. Was ich heute noch so mache, ist Gitarre üben. Heute ist nämlich Dienstag und das ist der Wochentag der Gitarre. Sprich heute habe ich Unterricht und da ich die ganze restliche Woche nicht geübt habe, muss ich das heute noch schnell machen.
Die Gitarre liegt auf dem einen Bett und auf dem anderen Bett habe ich meine Ungarischunterlagen ausgebreitet, die ich heute einfach mal ignoriere. Hab nämlich erst Montag wieder Unterricht, da kann dass noch getrost warten. Auf meinem Schreibtisch teilt sich der Ungarnführer den Platz mit Hebräisch. Habe morgen nämlich keinen Unterricht, so dass ich irgendwo hinfahren will. Bin mir aber noch nicht sicher wohin, mal gucken, was Henrika so plant. Wir machen eigentlich fast alles zusammen. Wir kochen gemeinsam, gehen gemeinsam auf Sightseeing, gehen gemeinsam einkaufen, beschweren uns gemeinsam über Skype (-> erfolgreich! Es funktioniert wieder!), wir gehen gemeinsam mit Freunden auf Konzerte und wir besuchen über die Hälfte unserer Vorlesungen gemeinsam. Ja, das sind heute so die Programmpunkte: Reiseplanungen, Hebräisch übersetzen, Gitarre spielen.
Wie schauen meine Tage aus? Nun der 0815-Tag beginnt erst mal mit aufstehen. Der Wecker klingelt um acht und um neuen bin ich dann meistens geduscht und angezogen. Dann wird alles mögliche erledigt. Normalerweise lese ich dann irgendwelche Texte oder lerne Vokabeln, je nach dem, welchen Unterricht an dem Tag habe. Geputzt und aufgeräumt wird normaler Weise auch morgens. Um elf Uhr bin ich so ziemlich jeden zweiten Tag am PC, um zum Beispiel meinen Freund zu trösten, wenn er wie heute krank ist. Um 12 Uhr gibt es Mittagessen in der Mensa, meist mit Henrika. Und am Nachmittag sind dann meine Vorlesungen. Ich komme auf beachtliche 4 Hauptseminare (2 Syste, PT, AT), Gitarrenunterricht, Ungarischunterricht und eine Kirchengeschichtsvorlesung speziell auf Ungarn bezogen. Alle bis auf das AT-Seminar bei Jutta sind auf Englisch. Am meisten gefällt mir „Christian Thinkers“. Das ist eine Systematikveranstaltung. Und auch die einzige mit anderen Studenten. Besonders lustig finde ich immer, wenn Fabiny anfängt, über die Deutsche Theologie herzuziehen. Die Finnen haben nämlich wiederentdeckt, dass die Rechtfertigung und Heiligung des Gläubigen vor allem eine innere Transformation ist. Die Deutschen hingegen sagen immer noch und entgegen Paulus, dass es ein äußerer Vorgang ist, quasi wird dem Menschen etwas von außen eingeflößt. Unterhaltsam deshalb, da ich als deutsche Studentin das zweite noch nie in einer deutschen Vorlesung gehört habe… Abends koche ich mir dann immer selbst. Oft gibt es Salat, da neben der Uni ein Bauernmarkt ist und das Gemüse frisch und super billig ist. Aber ich probiere auch viel Neues aus. Ich kann jetzt zum Beispiel Chili con Carne, Risotto, Kaiserschmarrn oder selbst gemachte Eiernudeln (die waren aber nicht so dolle). Nicht zu vergessen sind die morgendlichen und abendlichen Andachten. Die Ungarn sind noch viel pietistischer als Württemberg!!! Kein Wunder, dass es feiertechnisch ziemlich mau aussieht. Partys gab es bisher nur eine, an der ich als eine von wenigen es geschafft habe, genau das Glas mit berauschendem Inhalt zu erwischen, obwohl es doch gar keinen Alkohol gab – wie konnte das nur passieren?!
Vitamin B ist auch in Ungarn nicht zu unterschätzen. Und auch Jutta hat mir das bestätigt, dass die Studenten viel zu brav sind. Immerhin kenne ich ein paar Leute, die ständig was unternehmen. So nehmen zum Beispiel Lilla und Noemi Henrika und mich überall mit hin. Ich war auf 2 Kneipenkonzerten, zwei Jungendgottesdiensten (Thomas Messen) und einem Händelkonzert. Das hat zwar nicht gerockt, war aber sehr schön. Morgen ist wieder eins dieser Kneipenkonzerte und demnächst werden Noemi und ich mal richtig weggehen in die Disco. Auffallend ist, dass die etwas aktiveren Leute alle Deutsch sprechen. Und wenn ich nicht lerne, unterwegs bin, esse oder schlafe, dann lese ich immer noch sehr viel, übe Klarinette oder Querflöte (!!!) und habe in einem Monat die kompletten ersten drei Staffeln Gilmore Girls geguckt. Die Serie hatte nicht unbedingt einen guten Einfluss auf mich. Ich kam auf die dumme Idee, obwohl ich natürlich schon vorher ganz genau wusste, dass das nicht gut gehen würde, dass ich mich einen Tag lang nur von Süßigkeiten ernähre. Und ich dachte mir, dass man diese Erfahrung einmal gemacht haben sollte. Die beiden Mädels essen ja auch beinahe nur Süßigkeiten und Fast Food und das in Massen.
Schließlich möchte man wissen, wovon man spricht, wenn man behauptet, es wäre ungesund und dumm nur von Süßigkeiten zu leben. Fazit war natürlich, dass mir hundselend war ab vier Uhr am Nachmittag.
Ich war vor zwei Wochen auf dem Jugendtreffen von Taizé in Pécs. Es ging ein ganzes Wochenende lang und ich bin mit Annamaria-Julia und Henrika hingefahren. Annamaria-Julia, genannt Julia, ist Rumänin mit ungarischen Wurzeln. Sie spricht deshalb auch fließend Ungarisch. Sie wohnt nur 15 Minuten von Draculas Schloss entfernt
Wir sind Freitagmorgen losgefahren und wurden in einer siebenköpfigen Familie in einem Vorort von Pécs untergebracht. Die Eltern hatten alle Kinder ausquartiert und uns in ihrem Elternschlafzimmer einquartiert. Die beiden waren total nett und haben uns von hinten bis vorne bedient, falls wir mal da waren und nicht schliefen. Tagsüber – nach einem Frühstück in der Familie – waren wir in Pécs unterwegs und hatten Bibelgruppen, Andachten oder Workshops. Ein typischer Taizétagesplan eben. Das Essen war aber besser als in Taizé, auch wenn ich die Hälfte nicht gegessen habe. Streichkäse und Streichwurst aus der Pelle *bäh* nix für mich. Der Workshop war ziemlich unterhaltsam. Wir waren wohl die lauteste und am meisten lachende Gruppe des Wochenendes. Ich habe mich durchgesetzt und wir sind nicht zu „Wo ist mein Platz in Gottes Schöpfung?“ oder „Wie finde ich heraus, was Gottes Ruf für mich ist?“ oder gar das Klassikerthema „Wie gehe ich mit Gottes Schöpfung um?“ gegangen, sondern zu den Kirchenvätern. War zwar auch nicht informativer, aber eben nicht das Standartthema und nicht so extrem oberflächliches Geplänkel. Außerdem hatten wir das Glück einen begriffsstutzigen, aber doch sehr selbstbewussten Philosophen in der Gruppe zu haben. Seiner Meinung nach haben wir die Fragen nicht verstanden und deshalb auch nicht beantwortet. Dumm nur, dass zehn andere Personen anderer Meinung waren. Das Wochenende war wirklich toll, aber an Taizé kommt es von der Atmosphäre nicht ganz ran.
Auf dem Burgberg ist die Deutsche Lutherische Gemeinde. Dort wird im Januar mein Praktikum stattfinden. Ich war jetzt schon zwei Mal im Gottesdienst und es gefällt mir ganz gut. Der Pfarrer freut sich enorm über mein Interesse. Ich bin zwar kein Gemeindemitglied, aber ich werde mit offenen Händen empfangen. Ich esse um sonst, trinke umsonst, habe die Losungen und das Feste Burg Andachtsbuch für kommendes Jahr erhalten und ich darf auf alle Veranstaltungen. Die erste war am Reformationstag, also letzten Samstag. Es war eine musikalische Feier. Eine kleine Gruppe Musiker, ein Solist und ein Chor. Der Pfarrer hat auch einen zweisprachigen Vortrag über Luther gehalten, doch denn habe ich leider verpasst. Ich bin nämlich eine halbe Stunde zu spät gekommen. Ich habe an diesem Abend die Odyssee in Kleinformat nachgespielt. Ich habe mir die Verbindungen zu Recht gelegt und bin los. Den ersten Bus bis zum Subway, da ich kein Abendessen hatte – so weit so gut. Dann wollte ich nur um die Straßenecke zur Bushaltestelle der zweiten Buslinie, doch Fehler Nummer 1: Entgegen der Straßenkarte war dort keine Haltestelle. Na ja, nicht so schlimm, ich hatte noch Zeit, da ich extra eine viertel Stunde zu früh los bin. Also auf zur nächsten Station. Ich folgte der Busstrecke und nach einiger Zeit fand ich die Haltestelle. Bloß warum steht die auf der falschen Straßenseite? Fehler Nummer 2: Es ist keine pendelnde Linie, es ist eine im Kreis fahrende Linie, also nur eine Fahrtrichtung. Also weiter bis zur nächstgelegenen Haltestelle mit der richtigen Fahrtrichtung. Mittlerweile war ich über eine halbe Stunde zu Fuß unterwegs. Obwohl die Haltestelle wieder nicht dort war, wo sie laut Karte sein sollte, fand ich sie schließlich. Netter Weise kamen zwei der im Plan verzeichneten Busse nicht. Als ich dann endlich den richtigen Bus nahm und an der richtigen Haltestelle ausstieg, dauerte es noch einmal eine gute viertel Stunde, bis ich in einer 700 Meter langen Straße eine Kirche fand. Denn Fehler Nummer 3: Die Karte zeigte nicht, dass die Hold utca länger als 300 Meter ist und mehr als die Hausnummern 1-15 hat. Kein Wunder, dass ich mich schwer tat, die Nummer 18 zu finden, zumal beinahe alle Straßen- und Hausnummernschilder hinter hölzernen Baugerüsten versteckt waren. Aber ich bin schließlich irgendwie und irgendwann angekommen und das noch rechtzeitig für den musikalischen Teil. An diesem Freitag werde ich bei der Laternenbastelsession teilnehmen. Auch darüber war der Pfarrer sehr erfreut, da es zu viele Kinder und zu wenig Betreuer gibt. Das war dann das Vernichtungsurteil für meine Laterne.
Und am Sonntag ist der Umzug, dort helfe ich beim Punschausschank. Leider ist St. Martin anscheinend eine deutsche Tradition. Henrika und die Ungarn haben mich alle etwas ungläubig angeschaut, als ich nachfragte.
Vor ein paar Wochen gab es einen Internationaler Abend. Henrika hat finnische Teigwaren gebacken und ich habe Bratwürste und Weißwürste serviert. Dafür war ich extra beim Aldi. Der ist gar nicht so weit weg von mir. Leider ist es aber wohl ein österreichischer Aldi, da überwiegend österreichische und nicht deutsche Produkte angeboten wurden. Die Cookies haben sie aber trotzdem. Nicht einmal die Cookies in Amerika kamen an die Aldi-Cookies ran! Meine Wurst kam super bei den Ungarn an, die haben einen beinahe krankhaften Wursttick. Wurst in der Suppe, Wurst mit Bohnen, Wurst mit Reis, Wurst mit Kartoffeln, Wurst pur, Wurst mit Brot, Wurst auf Pizza, Wurst mit Nudeln… Eben immer wenn es die Situation erlaubt. Interessant war, dass als den Studenten Möglichkeiten zu einem Auslandsstudium vorgestellt wurden, dass die Augustana als nicht äquivalent zu einer Universitätsausbildung dargestellt wurde. Eben auf gleicher Ebene mit einer Fachhochschule. Ich hab das Jutta gepetzt und die wird, wie schon so oft, das richtig stellen und ein Donnerwetter loslassen.
Ich komme mit meinem Ungarisch voran. Vielleicht nicht so schnell wie ich könnte, aber ich bin zufrieden. Ich verstehe bereits einzelne Gesprächsfetzen, kann zählen und gerade lerne ich zu beschreiben, wo etwas ist, und die Farben. Ich habe mich bereits vorstellen und eine Fahrkarte ordern können. Vielleicht könnte ich jetzt schon mehr Wörter, aber ich habe am Anfang die Prioritäten nicht zu Gunsten meiner Vokabeln gesetzt. Mir war wichtiger mich mit Studenten anzufreunden sowie Budapest ein bisschen zu erkunden. Und vor allem auch erst einmal in einen Tagesrhythmus zu finden. Es ist doch ziemlich ungewohnt so viel Freizeit und zugleich so viel Hausaufgaben zu haben. Das muss erst einmal so arrangiert werden, dass beides nicht zu kurz kommt. Jetzt bin dazu übergegangen mich mehr auf Ungarisch zu konzentrieren und an freien Tagen im Land umherzureisen. Denn schließlich ist der Tagesrhythmus jetzt klar und ich habe mich in der Stadt zu Recht gefunden.
Randbemerkungen:
Ich habe nach etwas wie Zweiback oder Knäckebrot gesucht für den kleinen Hunger zwischen durch. Henrika hat mir Finnisches Knäckebrot empfohlen, es sei sehr gesund. Ja, das ist es bestimmt, schmeckt auch nicht schlecht, aber: es riecht und sieht aus wie die Hundefuttersticks, die Strolchi so liebt.
Ich war mit Henrika im Zoo. Jetzt weiß ich, dass der Nürnberger Zoo der Himmel für alle Zootiere sein muss. Zum Beispiel hatten sie zwei Hirtenhunde in einem vier Quadratmeter großen Zwinger, die Fische im Aquarium hatten nackte Wände und es war erlaubt alle Tiere zu füttern. Einfach Horror.
Ungarn tun so ziemlich alles auf den letzten Drücker. 30seitige, englische Essays am Tag vor dem Seminar, Noten zum Transponieren und Spielen am Tag vor der Morgenandacht, Aufbrechen zu einer Veranstaltung usw.
Ungarn zählen Bastelpapier und Füller (!!!) nicht zu ihrer Grundausstattung von Büroartikeln im Supermarkt. Nicht einmal im Schreibwarenladen habe ich Transparentpapier oder einen Block mit Bastelkarton gefunden. Und abgesehen von überteuerten Onlinefüllern gab es keinen einzigen Füller in einem Fachgeschäft.
Tillich ist furchtbar.
Angeblich kaufen ungarische Supermärkte deutsche und österreichische Produkte, nachdem sie abgelaufen sind, da in Ungarn eine andere Regelung vorliegt. Deshalb sind Frischeprodukte länger haltbar in Ungarn.
Geige ist ein Rockinstrument. Es darf in keiner ungarischen Band fehlen. Dafür ist die Klarinette beinahe unbekannt.
Die ungarische Begrüßung „jó napok kívánok“ ist ungewohnt lange. Ich komm mir jedes Mal komisch vor, wenn ich jemanden grüße und wir beide gleichzeitig sprechen, da die Begrüßung eben so lange dauert und man nicht wartet, bis das Gegenüber fertig ist.
Es ist arschkalt Ende Oktober. Fünf Grad in der Sonne. Zu mindest meistens und vor allem morgens.
Die reformierte Kirche symphatisiert mit den Rechten. Was das so genau bedeutet und was die Ursache ist, werd ich in naher Zukunft mal nachlesen.
Ich muss Hohes C kaufen, da das der einzige Saft ist, der 100% Fruchtanteil hat. Der Rest ist einfach Zuckerwasser.
Überhaupt sind deutsche Produkte Luxusprodukte. Ich kaufe Danone Joghurt, Köln Müsli, Knusperone Müsliriegel, Hohes C, Ariel, Knorr. Die Ungarischen Äquivalente sind nicht zu gebrauchen. Selbst die Rosinen schmecken nicht…
Ungarische Topprodukte sind hingegen die Joghurt-Schoko-Sticks, Salami und Teigwaren! Yammie!!!
Information: Ich fahre am 19.12. nach Hause!!! Rollt doch schon einmal den roten Teppich aus