Bald ist Halbzeit…
Ich bin nun schon über drei Monate hier in Budapest und bald ist Halbzeit, bald ist das Herbstsemester vorbei und ich mache Heimaturlaub. Ein tolles Gefühl! Ich habe es geschafft super produktiv zu sein und einiges zu erleben und das alles ohne große Sehnsuchtsanfälle. Ich bin stolz und glücklich…
Produktiv bin ich hier wirklich. Ich besuche vier Hauptseminare und eine Kirchengeschichtsvorlesung, natürlich alles neben meinem Ungarischunterricht. Zusammen mit Jutta (Jutta Hausmann, die Frau des Dekans Hausmann und ehemalige Assistentin von Utzschneider) und ihrem Doktoraten Attila analysiere ich die Wallfahrtspsalme. Das ist sehr angenehm, da ein super Klima herrscht und ich Insiderinformation erhalte. Jutta hat mir schon die unglaublichsten Infos zukommen lassen. Zum Beispiel schickt die Deutsche Bibelgesellschaft regelmäßig Aland, BHS und LXX nach Ungarn. Vor einigen Jahren bekamen die Studenten sie noch umsonst. Mittlerweile müssen sie aber dann doch zum Beispiel 10€ für eine BHS zahlen. Denn irgendwann ist aufgefallen, dass die Studenten die noch Bücher in Antiquariaten verscherbelt haben. Lustig oder, vor allem für uns, die wir 40€ für die BHS gezahlt haben. Außerdem ist Jutta erfrischend deutsch… Sie sagt was Sache ist und sieht alles aus einem mir vertrauten Augenwinkel. Agnes, meine Homidozentin, hat mir erzählt, dass Jutta dafür verantwortlich ist, dass in Ungarn nun verstärkt auch alttestamentliche Texte als Predigttexte gelesen werden, das spricht doch für sie und ihren Einfluss, oder? Mit Henrika und Agnes beschäftige ich mich mit der ungarischen Situation, Geschichte und welche Auswirkungen das auf die Homiletik hat. Das ist wohl das interessanteste Seminar. Henrika ist übrigens die finnische Austauschstudentin, die für dieses Semester hier ist. Sie hat enorme Probleme mit dem dummen modularisierten Studium, da sie ja Punkte für ihre Veranstaltungen braucht. Ich dagegen sage immer nur: „Nee, nee! Passt schon, ich brauche keine Punkte. Ich komme irgendwann mit einem Zettel und den unterschreiben sie dann. Mehr ist das nicht.“ Sorry, liebe Erstis, aber Diplomstudium rockt einfach! Die Modularisierung macht eben Auslandsaufenthalte zum organisatorischen Horror. Und die Ungarn wissen das. Die haben zu so gut wie allen Ländern Kontakte. Es ist beinahe Pflicht ins Ausland zu gehen. Aber kein Wunder. Ungarn hat echt beschränkte theologische Möglichkeiten. Ich habe gerade mit den Vertretern des Systematischen Lehrstuhls ein Tillich-Seminar. Hier ist er nämlich erst vor ein paar Jahren auf Ungarisch erschienen. Deshalb ist er hier noch so neu und frisch! Wow, oder? Und Griechisch- und Hebräischlexikas gibt es gar keine. Nur auf Deutsch und Englisch – Studenten, die beides nicht sprechen können, haben da einfach Pech gehabt. Wenn man sich in den Büros umsieht, so sind bestimmt ein Viertel aller Bücher deutsche und englische Publikationen. Deshalb sprechen auch alle Deutsch oder Englisch an den Lehrstühlen. Aber so schlimm, wie es auf den ersten Blick scheint, ist es nicht. Es gibt unzählige ungarische Veröffentlichungen, die ziemlich gut sind, von denen aber die Welt nichts weiß. Überhaupt passiert hier einiges, die Ungarn kämpfen hart für ihren Anschluss an die internationalen, theologischen Entwicklungen! Ein hartnäckiger Haufen, diese Ungarn!
Nun will ich euch aber noch etwas mehr über mein PT-Seminar erzählen. Wie schon gesagt, geht es um Hintergründe. Und die zu kennen erleichtert einem das Leben sehr. Es wundern einen nicht mehr so viele Dinge. Die Kirche kämpft hier nicht, so wie in Deutschland, mit der Jugend. Hier sind die 40- und 50-jährigen Leute das Problem. Dieser Altersschicht können mit der Kirche nichts anfangen, da sie durch das Sozialistische Regime, in dem sie aufgewachsen sind, der Kirche entfremdet wurden. Sie haben keinerlei Beziehung zur Kirche, da die meisten nicht getauft oder konfirmiert wurden. In der Schule gab es keinen Religionsunterricht und wer einen guten Job wollte, durfte nicht zur Kirche gehen. Das Sozialistische Regime hat hier also bedauerlicher Weise ganze Arbeit geleistet. Nun versucht die Kirche sehr angestrengt diese Altersklasse anzusprechen. Ergebnis dessen ist, dass es viele Erwachsenentaufen und -konfirmationen gibt. Ein ganz anderes Thema ist die neulich erschienene, neue Gottesdienstordnung. Sie orientiert sich zurück auf die alten, katholischen Wurzeln. Doch die meisten Gemeinden wollen sie nicht anwenden. Sie sind strikt dagegen sich wieder dem Katholizismus zu nähern. Warum? Weil die katholische Kirche der Lutherischen Kirche in der Vergangenheit sehr zugesetzt hat. Vor allem in der Zeit nach der Reformation. Es war wirklich furchtbar. In Deutschland wirken die Ereignisse im Vergleich dazu manchmal wie Kaffeekränzchen. Das führte dazu, dass man sich stets versucht vom Katholizismus abzuheben. Ein Beispiel dafür ist, dass in den Gottesdiensten kaum Liturgie gesungen wird. Was übrigens zur Folge hat, dass die Predigten hier optimaler Weise 12 bis 15 Minuten lang sind. Irgendwie muss man ja die Zeit ausfüllen, die man durch das Auslassen überflüssiger Liturgie einspart. Ich als bayerische Lutheranerin vermisse das liturgische Singen ganz schrecklich! Die neue Ordnung integriert wieder mehr Liturgie und ähnelt sehr der deutschen Ordnung. Da das aber eine Neuerung ist und außerdem ja auch noch an die katholischen Gottesdienste erinnert, wird es weitgehend abgelehnt. Homiletik steht hier also vor einem sehr interessanten Hintergrund, der stark von nicht überwundenen, historischen Ereignissen geprägt ist. Einfach spannend. Bei der gegenwärtigen politischen Situation schlägt mein Herz jedoch eher panische Rhythmen. Ungarn hat nur zwei politische Optionen: Links radikal oder rechts radikal. Einfach hinreißen… Die Rechten wollen den Kommunismus und rennen in Armeeklamotten herum, wobei sie jeden Deutschen schmerzhaft an die NSDAP erinnern, und die Linken sind nicht weniger schlimm. Wenn die einen an der Macht sind, dann untergraben und stehlen die anderen. Es ist kein Wunder, dass die momentane Situation in Ungarn in jeglicher Hinsicht schlecht ist. Es macht mich zwar nachdenklich und traurig, da ich die Ungarn sehr ins Herz geschlossen habe, aber beeinflusst das mein Leben nicht direkt.
Den einzigen Nachteil, denn der mich direkt betrifft, sind die Steuern. Ich kaufe nämlich sehr viele importierte Dinge und die sind mit enormen Steuern versehen. Aber was soll ich anderes tun? Ich liebe Orangensaft und ich möchte gesunden Qualitätssaft. Da die einheimischen Säfte nur Wasser mit Zucker und ein paar mickrigen Prozenten Fruchtanteil sind, muss ich eben Hohes C oder den Aldi-Orangensaft kaufen. Und das gilt auch für Taschentücher, Müsli, Butter, Joghurt, Füller, Tomatensoße, gekochten Schinken, Lebkuchen und vieles mehr. Da wird einem schmerzlich bewusst, wie verwöhnt man ist! Furchtbar verwöhnt. Wie kann man nur Salat mit Balsamicodressing mögen oder eine saubere Küche? Tja, die Ungarn sind nicht so anspruchsvoll. Wenn die Duscharmatur kaputt ist, dann ist sie eben kaputt, macht doch nichts, wenn man noch Duschen kann. Und wenn das Essen eklig ausschaut, aber schmeckt, dann passt das auch. Oder wenn man etwas auf den wirklich aller, aller letzen Drücker erledigt, dann macht das auch nichts, solange es eben IRGENDWIE klappt. Und überhaupt: Wenn man nicht plant, dann kann auch nichts Unvorhergesehenes passieren. Jeder, der mich kennt, weiß, dass die beiden letzten Beispiele für mich Planwütige Horror ist. Na ja, zu mindest war. Ich kann voller Stolz sagen, dass ich mich daran gewöhnt habe. Hier läuft alles sehr relaxt für mich, das einzige, was ich plane, sind meine Reisen. Hier in Budapest habe ich nämlich schon alles gesehen. Und ich konnte meinen Kaffeekonsum um mindestens 75% senken. Die drei Wochen Heimaturlaub hingegen bereiten mir ein bisschen Stress. Es gibt so viel zu tun, von drei Wochen habe ich nur sechs Tage noch nicht verplant. Eben typisch für mein deutsches Ich! Schlimm wenn es anders wäre.
Für diese Ausgabe habe ich schon wieder zu viel geschrieben, bleibt mir nichts anderes übrig, als auf die nächste Ausgabe zu warten, um euch mehr über mein Budapestjahr zu erzählen: meine Reisen, mein Praktikum, die Deutsche Gemeinde im Burgviertel und so vieles mehr! Seid also gespannt und vielleicht ja bis bald während meiner Stickvisite an der Augustana?